Monas Bonbons und Mamas Glühwein

par Manuella Maury Geschichte

Monas Bonbons und Mamas Glühwein

Der Schnee musste mit der Schaufel geräumt werden. 80 Zentimeter in einer Nacht. Monas Vater, in Hemdsärmeln, meinte: „Jeder soll vor der eigenen Tür kehren, aber an Schneetagen, muss man seine Nase in das Leben der anderen stecken“. Jahre später meinte er beim Kauf seiner elektrischen Schneefräse: „Herzensfreude duldet keine trägen Arme.“ Diese Bemerkung blieb Mona noch lange in Erinnerung.

Wahrlich, es war eine Freude, an verschneiten Tagen die gleichen Gesten auszuführen. Es schwang sogar eine gewisse Euphorie mit. Das Zuschlagen einer Tür, das Mittagsgeläut vom Kirchturm, das Hupen des Postautos, Kindergeschrei – es war, als ob eine geheimnisvolle Hand jeden Ton abschwächen und im Schoss des Dorfes einsperren würde. Eine tiefe Ruhe umgab alsdann die Gemeinschaft und verwandelte die grössten Griesgrame in fast erträgliche Individuen. Mit Ausnahme vielleicht von Herrn Jean, dessen Abneigung gegenüber dem Schnee auf seinen Oberschenkelhalsbruch zurückzuführen war. „Grosser St. Bernhard, Simplonpass, Collum femoris– schon immer beeinflussten die Pässe den wirtschaftlichen Austausch und die Migrationsströme“, bemerkte der Pfarrer Ravre als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Sobald es schneite, wagte sich Herr Jean seit seinem Sturz nicht mehr aus dem Haus, nicht einmal zu einem kurzen Apéro. So kam es vor, dass der gesamte Stammtisch zu ihm übersiedelte, im Geiste einer „gesunden Konkurrenz“, erklärte dieser, bevor er den armen Büssern seinen Tresterwein einschenkte.

Die ersten Schneefälle erlaubten die Wiedereröffnung von „Monas Laden“. Nach jedem Sturm hielt ihr der Wirt auf der Terrasse einen besonderen Schneewinkel frei. Als Mona von der Schule kam, vergass sie Hunger und Hausaufgaben und verwandelte sich in einen eifrigen Maulwurf, der entschlossen seinen Bau errichtete und darauf hoffte, vor dem Auftritt der räuberischen Sonnenstrahlen einen weiteren Raum auszuhöhlen. Jedes Jahr wiederholte sich die Szene: Nach nur zwei oder drei Tagen beschlagnahmte die Sonne – diese Immobilienhalunkin – ihren Besitz. Trotzdem hatte sie Zeit genug, sich einzuquartieren. Eine Militärdecke als Orientteppich, zwei leere Bierkisten als Hocker, Werbeaschenbecher aus Glas als imaginäre Fenster mit Blick auf das Meer und Dutzende alter zerrissener Kassenzettel um „Monas Bonbons“ zu verteilen. Die Stammkunden hatten sich daran gewöhnt. Vor dem Apero schauten sie im Laden vorbei. Wie eine Pythia überreichte ihnen Mona ein Bonbon. Manche kriegten eine farbige Zeichnung, andere ein einfaches Wort: „Wolke“, „Papi-Puppe“, „Schokolade“, „Japan“, „Oma-Marmelade“… Als Cyrille der Sanitärinstallateur das Wort „Reisen“ las, schmunzelte er achselzuckend. Einen Monat später, als ihn seine Frau verliess, erinnerte er sich an „Monas prophetisches Bonbon“ und ärgerte sich über seine damalige Nachlässigkeit.  

Mit dem ersten Schnee brach ebenfalls die Glühwein-Zeit an. Über das Rezept war mit Monas Mutter nicht zu streiten. Für sie musste es Rotwein sein! Und zwar Guten! Keine alten Flaschen mit Korkgeschmack oder im Kühlschrank in Vergessenheit geratene Überbleibsel. Nicht einmal der Wirt wagte es einzugreifen, als sie sich an die Reserve heranmachte, die er in einem separaten Lager für grosse Anlässe bereithielt. „Es gibt Glühwein und Glühwein, aber DAS ist Glühwein schlechthin“, sagte er, um sich selber zu trösten. Sorgfältig ausgewählte und abgebürstete Zitrusfrüchte. Zimtstangen. Brauner Zucker. Reines Wasser. Das Ganze zu nur von ihr bekannten Teilen. Nicht, dass das Rezept streng geheim bleiben musste. Vielmehr hörte sie auf ihren Instinkt. „Den Wein nicht zum Kochen bringen, sondern abwarten, bis er allmählich anfängt zu brodeln, wie wenn man sich verliebt“, sagte sie, während das Gebräu in der Thermosflasche zum Schweigen gebracht wurde.

Und dann kam Weihnachten. Der Christbaum löste den Fernseher ab. Die Drei Könige knieten vor der Fernbedienung nieder. Die Apéros erfuhren gewisse Variationen: neue Zeitpläne, neue Gesichter und Herr Jean, der, obwohl er nach seinem Unfall etwas steifer geworden war, das Tafelrundenreglement etwas lockerte.

Die Freude der einen wurde begleitet vom Kummer der anderen. Wie auf einer Stromleitung versammelten sich zu Jahresende traurige Vögel an der Bar, vom Leben gezeichnete Reisegefährten: alte Junggesellen, untröstliche Witwen, Saisonarbeiter ohne Rückreisekarte, verfluchte Künstler, verlassene Gattinnen. Für sie kochte Monas Mutter ihren Glühwein. Am Weihnachtsabend, bevor die Kneipe ausnahmsweise um 19 Uhr schloss, richtete sie auf die Theke ihre schönen Glastassen an, mit zwei Stück Zucker in jeder Löffelschale. Während sie den gepeinigten Seelen ihren „brodelnden Trunk“ einschenkte, versprach sie ihnen die Rückkehr der Liebe – und im schlimmsten Fall, sei sie „immer für sie da“.

Mona erfuhr sehr früh, dass ihre Mutter die „Mama“ aller Gäste war. Darauf war sie niemals eifersüchtig.

Bemerkung der Übersetzerin: Collum femoris ist der lateinische Ausdruck für Oberschenkelhals. Im Französischen steht das Wort col für den Pass und den Hals des Oberschenkelhalses (col du fémur).

 

Die anderen Nachrichten von Manuella Maury, einer französischsprachigen Journalistin und Schriftstellerin mit starken Beziehungen zum Wallis.