Von Cayas bis Mitis – In Vétroz schlummert ein Walliser Schatz

par Chandra Kurt Geschichte

Text Chandra Kurt Fotos Philipp Rohner 

Dynamik steht im Mittelpunkt von Gilles Besse Alltag. Er ist ein charismatischer Winzer und führt in vierter Generation die Walliser Kellerei Jean-René Germanier in Vétroz, der wir Weinperlen wie «Cayas» oder «Mitis» zu verdanken haben. Weine, die man weit über die Schweizer Grenze hinaus kennt. 

Rainer Maria Rilke schrieb in seinen «Quatrains Valaisans»: «Glühendes Land, über vornehme Stufen steigt es hinauf zum grossen, vornehm verstehenden Himmel: Die harte Vergangenheit fordert, für immer kraftvoll und wachsam zu sein.»

Wie treffend formuliert, denn die Walliser sind eine starke Gemeinschaft , die mit unglaublichem Stolz an den Werten der eigenen Kultur festhält und keinen Stress damit hat, andere Schweizer Regionen als «Ausserschweiz» zu bezeichnen. 

Die Berge und die Bergkultur mit allem Drum und Dran sind genauso zentral wie der Wein, der allgegenwärtig ist. Das Wallis ist auch ein emotionaler Kanton, der wie keine andere Schweizer Region Künstler und Schriftsteller aus aller Welt anzog – von Goethe bis Carl Zuckmayer. Auch der Fantasieautor und Schöpfer des Romans «Der Herr der Ringe»

J. R. R. Tolkien verbrachte einen Teil seines Lebens im Wallis. In der Zeit zwischen Schulende und Studienbeginn in Oxford verbrachte Tolkien zusammen mit seinem Bruder und weiteren Freunden einen Wanderurlaub im Wallis. Eine Postkarte mit dem Namen «Der Berggeist», auf
der ein unter einer Kiefer auf einem Felsen sitzender alter Mann dargestellt ist, wurde nach seinen späteren Angaben zur Inspiration für die Figur des Zauberers Gandalf in seiner selbsterschaffenen Welt Mittelerde. 

Meine Wallis Aufenthalte begannen lange bevor ich wusste, wie gut der Walliser Wein überhaupt ist, und lange bevor ich wusste, was für ein önologischer Schatz sich hier verbirgt. Einer meiner ersten Kontakte war Jean-René Germanier, dessen Wein ich in Zermatt in den Skiferien getrunken hatte. Ganz überrascht, wie gut dieser mundete, besuchte ich ihn kurze Zeit später und erinnere mich daran, dass er mir von einem neuen Wein erzählte, den er bald lancieren würde.

Einen reinen Syrah, zumal das Wallis der Ursprung der Rhone sei und das französische Rhonetal weltbekannt war für die Produktion von Syrah aus den Appellationen Hermitage, Cornas oder Côte Rôtie. Ihre Quelle hat die Rhone auf über 1800 m ü. M., umgeben von mehreren über 3000 Meter hohen Bergen. Hier beginnt ihre lange Reise durch die Schweiz und Frankreich, bevor sie schliesslich ins Mittelmeer fliesst. Im Walliser Rhonetal sind sowohl zur linken wie auch zur rechten Seite die Hänge mit Rebstöcken bepflanzt. 

Ich erinnere mich auch noch, dass Jean-René noch nicht wusste, wie er diesen Wein nennen würde. Inzwischen feiern wir bald den 20. Jahrgang seines Top-Syrah – des Cayas. Ein Name, der an das Gestein in den steilen Rebbergen und die Wichtigkeit der Felsen im Wallis überhaupt erin- nern soll. Wenige Jahre nach dem Cayas stiess nicht nur Jean-Renés Ne e Gilles Besse zur Kellerei, es wurde auch einer der besten Süssweine der Schweiz lanciert: der Mitis. Vinifiziert wird er aus der Amigne de Vétroz Traube.

Unvergesslich, als ich meine Nase zum ersten Mal vom Du dieser gold- gelb leuchtenden Essenz verführen liess. «Sonnengewärmte Mandarinenplantagen, hauchdünne Aprikosen- scheiben, frisch geröstete Mandeln, Akazienhonig», schoss es mir durch den Kopf. Im Gaumen verstärkten sich diese Aromen noch und ich sah meine Geschmacksnerven im
Honig baden.

Das Wallis ist nicht nur die grösste Weinbauregion der Schweiz, es ist auch das Mekka für eine Vielzahl von bekannten und weniger bekannten Traubensorten, die man auch unter der Bezeichnung autochthone Sorten findet. Die Amigne de Vétroz ist eine solche autochthone Pflanze. Interessant ist, dass die angrenzende Weinbauregion Waadt von ganz anderer Natur ist.

Hier liegt der ganze Fokus auf der Schweizer Weissweinhauptsorte Chasselas. Kurz: So nahe habe ich Vielfalt und Einheit im Weinbau noch nie zusammen gesehen. Chasselas wird natürlich auch im Wallis kultiviert, aber auch hier haben die Walliser eine spezielle Regelung durchgesetzt – er heisst hier, und nur hier, Fendant. 

Das Wallis ist, wie gesagt, eine Welt für sich, die sich aus zwei sehr kontrastreichen Kulturen zusammensetzt. Im Unterwallis wird Französisch gesprochen, im Oberwallis Deutsch, genauer gesagt Walliserdeutsch. Auch werden die Traubensorten nicht immer gleich angeschrieben. Eine Traube kann in der deutschsprachigen Region zum Beispiel Heida heissen und in der französischen Païen. Die Sprachgrenze verläuft mitten durch den Kanton – nördlich der Rhone bildet der kleine Bach Raspille die natürliche Grenze zwischen Siders/ Sierre und Salgesch. Südlich der Rhone wird die Sprachgrenze durch den Pfynwald markiert.

Um mit beiden Kulturen gut umgehen zu können, bedarf es einer speziellen Agilität. Und Gilles Besse scheint eine Quelle davon in sich zu tragen. Denn er agiert gekonnt auf den verschiedensten Parketts und hat dafür gesorgt, dass die Weine der Kellerei Jean-René Germanier weltweit zu finden sind – eine Eigenschaft, die beim Schweizer Wein eher selten ist. Der telegene Besse präsentiert voller Passion in der französischsprachigen Version der TV-Kochshow «Al Dente» als Sommelier Weine und Cocktails, spielt Saxophon und nimmt als Mitglied der Patrouille des Glaciers am weltweit grössten Rennen im Skibergsteigen teil. Er ist überhaupt immer auf Achse und stets unterwegs für seinen Familienbetrieb. Inzwischen ist auch sein Onkel, der Alt-Nationalrat Jean-René Germanier, wieder in der Kellerei tätig.

Unvergesslich unser gemeinsamer Ausflug nach New York, als wir zusammen in der City Winery (www. citywinery.com) eine Bottling-Party organisierten. Wir sandten über den Seeweg Fässer mit Walliser Wein nach New York, den wir in dieser neuen urbanen Weinkellerei abfüllten, um die Güte unseres heimischen Schaffens zu präsentieren. Unter den Gästen war auch Regisseur Oliver Stone, dem besonders ein Humagne Rouge sehr mundete.

Jean-René und Gilles zählen zweifelsohne zu den dynamischsten Schweizer Winzern, die auf der einen Seite ihr Walliser Terroir stolz vertreten, auf der anderen Seite aber auch immer o en für innovative Gedanken sind. Ganz nach dem Motto: Let’s rock, Swiss wine.