Humagne Rouge – ein wilder Walliser

par Chandra Kurt Geschichte

Walliser Gedanken von Chandra Kurt Nr 4

Humagne Rouge ist einer meiner liebsten Schweizer Rotweine. Er ist farblich eher auf der schwachen Seite – wie übrigens auch der Pinot Noir. Dafür überrascht er mit seiner Aromatik umso mehr. Schon die Nase ist von unvergesslicher Intensität, geschweige der Gaumen. Der Humagne Rouge ist im Allgemeinen eher säurearm und sortentypisch etwas rustikal und ungebärdig, sowie tanninweichen und kräftigen mit einem fruchtigen Sorten-Bouquet. Belässt man der Rebe zu viele Trauben oder sind diese schlecht gereift, hat der Wein wenig Körper und schmeckt grasig. Hat man die Erntemenge jedoch im Griff und sind die klimatischen Bedingungen gut, entsteht ein harmonischer, alkoholreicher Wein mit grossem Alterungspotential. Der Humagne Rouge ist eine robuste, spätreifende Rebsorte, die nur an den am besten exponierten Lagen des Walliser Weinbergs reift.

Was mir an ihr gefällt, ist dass diese Traube die Persönlichkeit hat alleine aufzutreten. Wie ein Star. Nicht alle Traubensorten haben dieses Potenzial. Reinsortiger Humagne Rouge ist ein unvergesslicher Wein, der Weinliebhaber aus aller Welt verblüffen wird. Wie ein Komponist oder ein Künstler hat er eine wieder erkennbare Handschrift, die man mag – oder auch nicht. Es gibt Traubensorten, die spiegeln mehr den Charakter und die Vorlieben des Winzers im aus ihnen vinifizierten Wein wieder (zum Beispiel Chardonnay oder Merlot) und solche, die das gar nicht zulassen (zum Beispiel Nebbiolo oder Humagne Rouge). Ich sage nicht, dass das ein Gütezeichnen ist, sondern ein Merkmal, dass in der Weinwelt nicht so oft anzutreffen ist.

In älteren Dokumenten ist nachzulesen, dass Humagne Rouge früher auch «Höllenwein / Rouge d’enfer» bezeichnet worden ist. Rouge d’enfer wiederum ist eine Bezeichnung, die man für alte Walliser Sorten verwendet hat. Humagne Rouge gehört zu einer Familie von Rebsorten, die sich in der geographischen Insellage der Alpenregionen Italiens und des Wallis in der Schweiz halten konnten. Zur dieser Familie gehören auch die Sorten Completer, Himbertscha, Cornalin, Durize, Eyholzer, Humagne Blanche, Lafnetscha, Petite Arvine, Planscher und Rèze. Im Aostatal trägt die Sorten übrigens den Namen Cornalin (nicht zu verwechseln mit dem im Wallis heimischen Cornalin du Valais). Kulinarisch passt ein Wein aus Humagne Rouge sehr gut zu Wildgerichten. Bei Gerichten wie «Hasenrücken mit Oliven», «Rehpastete», «Hirschgulasch» oder «Rebhuhn mit Weinblättern», läuft mir nicht nur das Wasser im Munde zusammen, sondern die Lust auf einen Schluck Wein steigert sich markant. Wild hat im Geschmack meist etwas Süssliches. Bei der Auswahl des Weins muss man daher aufpassen, dass dieser nicht zu herbe Tannine hat.  Ganz allgemein kann gesagt werden, dass klassische europäische Weine wunderbar zu Wild passen – genau so wie der Humagne Rouge. Sein wilder, rustikaler Charakter und seine delikaten Tannine sowie seine Waldbeeraromatik machen ihn zu einem sicheren Wert, wenn es darum geht einen Wein für diese Küche zu servieren. Persönlich serviere ich ihn auch leicht gekühlt bei etwa 15-16 Grad.

 

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